Provenienzrecherche in Cloppenburger Sammlungen

Christina Hemken

Museumsdorf Cloppenburg - Nds. Freilichtmuseum

Seit April 2015 befasst sich das Museumsdorf Cloppenburg intensiv mit der systematischen Erforschung der eigenen Sammlungsgeschichte, vor allem des Zeitraums 1933 bis 1945/46. Unterstützt wird es dabei von dem Zentrum für Kulturgutverluste in Magdeburg und dem Bezirksverband Oldenburg.

In der Zeit von 1933 bis 1945 sind laut Inventarbuch etwa 5000 Objekte in den Bestand des Museumsdorfs aufgenommen worden. Bei 45 % der Eingänge handelt es sich um Schenkungen, bzw. Leihgaben, 33 % wurden angekauft und 22 % zählen zur Kategorie „unbekannt“. Die als „unbekannt“ eingestuften Zugänge beschreiben vor allem die in den Jahren 1945 und 1946 nachträglich erfassten Exponate. Bei den Einlieferern handelt es sich um ungefähr 450 Privatpersonen und 15 Antiquitäten-, bzw. Altwarenhändler, von denen umfangreiche Eingänge zu verzeichnen sind. Grundlage der Untersuchung sind in erster Linie die fortlaufend geführten Eingangsbücher, daneben stellen die Diensttagebücher des Museumsgründers, die ca. 30000 Blätter Archivmaterial aus Korrespondenz-, Rechnungs- und Quittungsordnern und die gesondert geführten Inventarlisten aus den Jahren 1935, 1938, 1942 und 1946 wertvolles Quellenmaterial zur systematischen Provenienzrecherche dar. Außerdem werden Akten aus Stadt-, Staats- und privaten Archiven, insbesondere zum sog. „Hollandgut“ und zu Enteignungsverfahren, vor allem der jüdischen Bevölkerung, herangezogen.

Statistik Objektzugänge im Museumsdorf Cloppenburg, 1933 – 1946; Schenkungen, Leihgaben, Ankäufe und unbekannt.

Anders als bei der Provenienzforschung in Kunstmuseen, handelt es sich bei den Sammlungsbeständen des Museumsdorfes vor allem um Alltagsgegenstände, die weder personalisierbar, noch in den Katalogen des Kunst- oder Antiquitätenhandels oder in der einschlägigen Fachliteratur zu finden sind. Gezielte Sammlungsankäufe, deren Erwerb umfangreich dokumentiert ist, waren aufgrund der angespannten finanziellen Lage des Museums eher die Ausnahme. Dies stellt die Untersuchung vor besondere Herausforderungen; d.h. der Fokus liegt nicht auf einzelnen Sammlerpersönlichkeiten oder speziellen Werken, die biografische Anhaltspunkte für eine unrechtmäßige Aneignung bieten, sondern auf „Auffälligkeiten“ innerhalb der Sammlungsübernahmeumstände.

In einem ersten Schritt wurden nach der Sichtung des zur Verfügung stehenden Quellenmaterials die Eingangsbücher digitalisiert, um gezielte Abfragen vorzunehmen und die Namenslisten der Verkäufer, bzw. Schenker mit anderen Namenslisten z. B. in Archivakten vergleichen zu können. Darüber hinaus ermöglichte die Digitalisierung eine detaillierte Darstellung der Eingänge, nach Schenker/Verkäufer, nach Objektsparten, nach Kategorien wie „unbedenklich“ oder Objekten mit „unklarer Herkunft“. Nach der Auswahl und einer umfassenden Dokumentation der infrage kommenden Objekte mit „unklarer Herkunft“ sind alle zur Verfügung stehenden Informationen über die Einlieferer – Händler wie Privatpersonen – dieser Objekte zusammengestellt worden.

Wie bereits erwähnt, liegt das Augenmerk aufgrund der Problematik, dass es sich bei der Sammlungsakzession des Museumsdorfs vorwiegend um Gegenstände des täglichen Lebens handelt, denen man nur vereinzelt Vorbesitzer zuordnen kann, vor allem auf „Besonderheiten“ des Sammlungseingangs. Dies führte zur Detailrecherche einzelner Sammlungszugänge, wie:

► Sammlungseingang 1937/1938: Dabei handelt es sich um ein größeres Konvolut unterschiedlicher Haushaltskeramik eines Händlers aus Wesel. In Wesel gab es mehrere jüdische Kaufhäuser, die im Zuge der Arisierung enteignet wurden. Die ausschließliche und beachtliche Stückzahl der eingelieferten Keramik könnte für eine Herkunft aus diesen Geschäften sprechen.

Apothekengefaess 4498 Apothekengefäß. Manufaktur: Delft, “De Drie Klokken [Die drei Glocken]”, Fayence, 18. Jh.
(Sammlung Museumsdorf Cloppenburg, Inv. Nr. 4498).

Apothekengefaess 4496 Apothekengefäß. Manufaktur: Delft, “De Drie Klokken [Die drei Glocken]”, Fayence, 18. Jh.
(Sammlung Museumsdorf Cloppenburg, Inv. Nr. 4496).

Apothekengefaess 4490 Apothekengefäß. Manufaktur: Delft, “De Drie Klokken [Die drei Glocken]”, Fayence, 18. Jh.
(Sammlung Museumsdorf Cloppenburg, Inv. Nr. 4490).

► Sammlungseingang 1942/1943: Ein Händler aus der Grafschaft Bentheim verkaufte und verschenkte 1942/1943 dem Museumsdorf u. a. ein größeres Konvolut von Apothekengefäßen einer Delfter Manufaktur, holländische Fliesenbilder, Haushaltskeramik belgischer und englischer Herkunft und Grafiken mit niederländischer Inschrift. Allein die räumliche Nähe zu Holland und das eingelieferte Sammlungsgut legen nahe, dass der Händler auch mit sog. „Hollandgut“ gehandelt hat.

► Sammlungseingang 1926/1937: 1926 lautet eine Eintragung im Inventarbuch gekauft von dem Oldenburger Antiquar Landsberg. Es handelt sich dabei um die Kunsthandlung und das Antiquariat der Familie Landsberg in Oldenburg, die im Zuge der Arisierung enteignet wurde. 1937 wird im Eingangsbuch festgehalten: gekauft von einem Oldenburger Antiquar. Wahrscheinlich wollte man 1937 nicht mehr dokumentieren, dass man bei einem arisierten Händler Keramiken und Möbel erworben hatte.

► Sammlungseingang 1945: 1945 sind dem Museumsdorf zwei Objekte, ein Kaminbesteck und ein Tablett aus Steingut, vom Wirtschaftsamt Cloppenburg überlassen worden. Die Wirtschaftsämter waren nicht nur für die Ausgabe von Versorgungsgütern, wie Lebensmittel und Brennstoffe, zuständig, sondern auch für die Verteilung und den Verkauf des sog. „Hollandgutes“. Es ist wahrscheinlich, dass 1945 in einigen Wirtschaftsämtern die Lager „geräumt“ wurden, um nicht in Zusammenhang mit unrechtmäßig erworbenen Objekten zu kommen.

Kaminbesteck 4663 Kaminbesteck, 3-teilig. 2. Hälfte 19. Jh.
(Sammlung Museumsdorf Cloppenburg, Inv. Nr. 4663).

Tablett 4664 Tablett. Delft. Steingut. Anfang 20. Jh.
(Sammlung Museumsdorf Cloppenburg, Inv. Nr. 4664).

► Frachtbriefe 1941/1942/1943: In den Rechnungs- und Quittungsordnern finden sich mehrere Frachtbriefe. So zum Beispiel ein Frachtbrief von 1943 der Osnabrücker Hafen- und Lagerhausgesellschaft über die Lieferung von sechs Truhen und zwei Schränken. Deren Eingang ist im Eingangsbuch oder in den Tagebüchern nicht verzeichnet. Solche Vorgänge verweisen auf namhafte Teile des Bestandes, die ein der fraglichen Zeit in die Sammlung aufgenommen, aber erheblich später oder auch nie dokumentiert wurden.

► Sammlungseingang 1945/1946: Ca. 700 Objekte wurden 1945 und 1946 in das Inventarbuch mit dem Zusatz Herkunft unbekannt nachgetragen. Dazu gehört ein größeres Konvolut Gewehre und Truhen. Die Umstände der Sammlungsübernahme müssen hierbei noch einmal geprüft werden, da es unwahrscheinlich ist, dass es keinerlei Informationen zu den genannten Eingängen gibt. In den persönlichen Aufzeichnungen des Museumsgründers finden sich hierzu keine Vermerke, die über die Herkunft Aufschluss geben, daher ist eine Prüfung anderer Quellen geboten.

► Überprüfung und Angleichung der Inventarlisten mit dem Inventarbuch Bei der Überprüfung der Inventarlisten von 1935, 1938, 1942 und 1946 und dem Abgleich mit den Inventarbüchern sind einige Unstimmigkeiten aufgefallen, d.h. es gibt eine Reihe von Objekten ohne Inventarnummer, bzw. ohne Eintrag im Eingangsbuch und Objekte, die angeblich als verbrannt/verloren bezeichnet wurden und in späteren Inventarlisten wieder aufgelistet sind. Warum deren Provenienz nicht vermerkt wurde, lässt sich nicht eindeutig klären, auffällig ist nur, dass unter diesen Exponaten auch besondere und wertvolle Objekte zu finden sind, deren Eingang nicht gleichsam „spurlos“ geschehen konnte.

► Metallsammlungen im Oldenburger Land: In den Diensttagebüchern sind Anfang der 40er Jahre mehrere Fahrten des Museumsgründers, zum Teil mit Kollegen aus anderen Museen, zu den Metallsammelstellen im Oldenburger Land festgehalten. In den Korrespondenzordnern aus der Zeit findet sich ein Schreiben des damaligen Direktors vom 25. April 1940 an den Landrat des Landkreises Vechta, in dem er sein Interesse an mehreren Objekten bekundet, die er bevorzugt für das Museumsdorf übernehmen möchte. Auch zu diesen Objekten gibt es keinen Eintrag im Eingangsbuch.

Metallsammlung Durchsicht der Objekte einer Metallsammlung, Cloppenburg ca. 1940
(Bildarchiv Museumsdorf Cloppenburg).

► Schreiben der britischen Militärregierung, September 1945: In einem Schreiben der britischen Militärregierung vom September 1945 werden die Kreise und Städte aufgefordert ein namentliches Verzeichnis über die Besitzer von „Judenmöbeln“ und anderen Möbeln aus Holland zu erstellen. Das Museumsdorf Cloppenburg hat laut Liste eine Kommode und eine Standuhr aus diesem Zusammenhang dessen erworben. Die „Hollandmöbel“ sollen aber bei dem Brand des Quatmannshofs im April 1945 verbrannt sein. Weder der Eingang der Kommode noch der Standuhr ist jedoch im Eingangsbuch festgehalten und beide befinden sich auch nicht auf der Liste der verbrannten Objekte von 1946.

Eingangsbuch Inventarbuch und Inventarlisten des Museumsdorfs Cloppenburg
(Museumsdorf Cloppenburg).

Wie die Skizzierung der „auffälligen“ Sammlungseingänge zeigt, ist die intensive Durchsicht aller im Hause zur Verfügung stehenden Quellen und deren Auswertung für eine systematische Erschließung und Überprüfung der Sammlung nicht ausreichend. Für eine umfangreiche Dokumentation der Erwerbungswege ist man auf Parallelüberlieferungen angewiesen, hier vor allem die Käuferlisten von sog. „Hollandgut“, die in den niedersächsischen Archiven zu finden sind. Das „Hollandgut“ stammt aus dem im Zuge der Aktion M des Einsatzstabs Rosenberg enteigneten Besitz der zumeist jüdischen Bevölkerung Frankreichs und den Beneluxländern. Nach vorsichtigen Schätzungen handelt es sich alleine um 1 Millionen Kubikmeter Möbel, die per Bahn oder Schiff nach Deutschland, vor allem dem Nordwesten, transportiert wurden. Von den Anlieferungspunkten Emden, Bremen, Wilhelmshaven und Osnabrück wurden diese Objekte dann auf die Landkreise verteilt und Bombengeschädigten unentgeltlich überlassen, aber vor allem verkauft.

Sehr wahrscheinlich sind auch einige solche Objekte in das Museumsdorf gekommen, entweder durch direkten Kauf, wie die Standuhr und Kommode, oder über Käufer, die die erworbenen Exponate dem Museumsdorf geschenkt, bzw. verkauft haben. Dabei ist der Erwebungszeitraum 1933 bis 1945 viel zu kurz gefasst, da nichts dagegen spricht, dass auch Jahrzehnte später zu unrecht erworbenes „Hollandgut“ dem Museum überlassen wurde. Die möglichst vollständige Erfassung aller Käuferlisten, die sich in den niedersächsischen Archiven befinden und deren Abgleich mit den verzeichneten Namen der Verkäufer und Schenker im Inventarbuch des Museumsdorfs wird hierbei zur größtmöglichen Aufklärung beitragen. Gleichzeitig dient deren Dokumentation anderen Museen bei der eigenen Provenienzrecherche in ihren Sammlungen.

Auch die skizzierten Sammlungseingänge einzelner Händler werfen Fragen auf. Hier gilt es, möglichst umfassende Informationen über die Händler und deren Geschäftsgebaren in Erfahrung zu bringen. Handelten sie z. B. mit entzogenem bzw. zwangsverkauftem Besitz? In der einschlägigen Literatur finden sich zu dieser Fragestellung vor allem Ausführungen zum Kunst- und Antiquitätenhandel, aber keine Untersuchungen zu Händlern, die vergleichbare Sammlungsobjekte wie sie das Museumsdorf besitzt, zum Verkauf angeboten haben. Darüber hinaus wäre die Rolle der Speditionen bei der Verteilung des „Hollandgutes“ noch eingehender zu untersuchen. Hier kommen vor allem Zolllisten, Frachtbriefe und Rechnungsunterlagen in Betracht.

Die lückenlose Klärung der Provenienz aller Sammlungsobjekte des Museumsdorfes wird aller Voraussicht nach auch mit intensiver Forschungsarbeit nicht zu leisten sein. Aber die akribische Spurensuche und systematische Erschließung und Überprüfung sichert einerseits größtmögliche Transparenz des eigenen Sammlungserwerbs, und anderseits verdeutlicht es die verschiedenen Aneignungswege von NS-Raubgut. Die Rolle des zumeist regionalen Antiquitätenhandels wie die Rolle der Speditionen oder das zur Verfügung stehende Archivmaterial über die Käufer von unrechtmäßig erworbenem Besitz, sei es das „Hollandgut“ oder der vor Ort enteigneten Bevölkerung, fand allerdings in der bisherigen Provenienzforschung bislang wenig Beachtung. Damit ist die Vorgehensweise bei der Provenienzrecherche im Museumsdorf Cloppenburg beispielgebend für andere Forschungsvorhaben in Museen mit vergleichbaren Sammlungsbeständen.